Die Samariter der ersten Stunde
Am 29. November 1888 wurde in Berlin der ASB gegründet
Ein Zeitzeichen: Sechs Berliner Zimmerleute wollten nach einem weiteren tödlichen Unfall auf dem Gelände der Märkischen Eiswerke nicht länger hilflos zusehen, sondern selbst etwas tun. Im November 1888 riefen sie im Volksblatt alle Arbeiterinnen und Arbeiter auf, am ersten „Lehrkursus über die Erste Hilfe bei Unglücksfällen“ teilzunehmen – und legten damit vor 136 Jahren den Grundstein des Arbeiter-Samariter-Bundes.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung im Deutschen Reich rasant voranschritt, erlebte Berlin einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung. Die Menschen strömten vom Land in die Stadt, um Arbeit oder Unabhängigkeit zu suchen. Überall wurden Fabriken, Verkehrswege und Wohnungen gebaut, an der Spree entstand ein pulsierendes Industriezentrum. In dieser Phase rasanten Wachstums stieg jedoch auch die Anzahl schwerer und tödlicher Arbeitsunfälle dramatisch an. In Betrieben und auf Baustellen mangelte es an Schutzvorkehrungen, und die langen Arbeitsschichten, der Druck der Akkordarbeit sowie die Unerfahrenheit vieler Arbeiter:innen führten immer wieder zu Unglücken. Oftmals fehlte am Unfallort das notwendige Verbandmaterial und kaum jemand war in der Lage, Erste Hilfe zu leisten. Der zivile Rettungsdienst befand sich noch in den Kinderschuhen, und die wenigen Sanitätswachen in Berlin waren aus Kostengründen nur nachts besetzt.
Ideen und Grundsätze
Gesundheitliche Aufklärung und Hilfe zur Selbsthilfe, das war die Idee der Pioniere im ASB. Arbeiterinnen und Arbeiter sollten ihre verunglückten Kolleg:innen in Betrieben und Fabriken eigenständig versorgen können. Bald entstanden erste Arbeiter-Samariter-Kolonnen, die bei Festen und Kundgebungen der Arbeiterschaft Sanitätsdienste übernahmen und nach Unfällen zur Stelle waren, um Verletzte zu versorgen oder sie mit Fahrradtragen und Kutschen ins Krankenhaus zu transportieren.
Von Anfang an zeichneten sich die Samariterinnen und Samariter auch durch ihr politisches Bewusstsein und ihren Willen zur Veränderung aus. Sie erhoben ihre Stimme gegen menschenunwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen, wandten sich mit Petitionen an den Reichstag und organisierten sich nach demokratischen Prinzipien. Hilfe zur Selbsthilfe ist bis heute ein Leitgedanke des ASB. Damals wie heute ist der ASB ein Zusammenschluss von Bürgerinnen und Bürgern, die da helfen wollen, wo Hilfe gebraucht wird: hier und jetzt – und dabei immer nah bei den Menschen.
Mehr zur Geschichte des ASB unter www.asb.de/geschichte
Text: Alexandra Valentino