ASB Magazin
März 2024
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Bewohner:innen des ASB-Wohnzentrums Chemnitz engagieren sich für Barrierefreiheit

Im Dezember 2022 wurde das ASB-Wohnpflege­heim für körperlich schwerstbehinderte Menschen in Chemnitz mit dem Sächsischen Inklusionspreis in der Kategorie „Digitale Barrierefreiheit“ ausgezeichnet. Gewürdigt wurden die neu eingerichteten digitalen Arbeitsplätze, die sich an den Bedürfnissen und der jeweiligen körperlichen Behinderung orientieren. Mit diesem Preis wird auch der Einsatz zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung gewürdigt, wie die ausdrücklich durch die UN-Behindertenrechtskonvention gefordert wird und in diesem Projekt eine Umsetzung findet. 

Doch dieses Projekt ist nur ein kleiner Teil des umfangreichen Engagements der Mitarbeitenden und Bewohner:innen des Wohnzentrums. Die gesellschaftliche Teilhabe findet ihre Fortführung seit dem vergangenen Jahr auch in Form eines neuen Bürgerbeteiligungsprojektes des ASB-Wohnzentrums: „Andersdenken – Bürgerbeteiligung der Menschen mit Behinderung bei politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen“.*

Konzepte von und für Menschen mit Behinderungen 
Gemeinsam mit weiteren Akteur:innen der Stadt Chemnitz sollen Ideen und Konzepte entwickelt werden, wie Menschen mit Behinderungen durch das Einbringen ihrer Erfahrungen auf politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse Einfluss nehmen können – für eine Stadt, in der zukünftig alle Bürger:innen die Möglichkeit haben, ganz selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. 

Die Realität sieht (noch) anders aus: Da sind zu hohe Bordsteine, die Rollstuhlfahrer:innen die Wege erschweren, oder quer herumliegende E-Roller, die Menschen mit einer Sehbehinderung spät oder gar nicht wahrnehmen können. Menschen mit einer Hörschädigung verstehen nicht, was auf einer Festbühne gesprochen und gesungen wird, weil kein:e Gebärdendolmetscher:in vor Ort ist, der/die es ihnen übersetzt. 

Die Gründe für das Entstehen von Barrieren sind vielfältig. Ein weiteres zentrales Ziel des Projektes ist es, einen Erfahrungsprozess mitzugestalten, der ein gesellschaftliches Umdenken anregt. Hierbei geht es insbesondere darum, die Bürgerbeteiligung von Menschen mit Behinderungen als eine wertvolle Ressource anzuerkennen und gesamtgesellschaftliche (Denk-)Strukturen entsprechend zu verändern.

Synergieeffekte nutzen und Barrieren abbauen 
Aus diesem Engagement heraus entstanden ist unter anderem eine längerfristige Zusammenarbeit mit der Daetz-Stiftung, die als „dialogus exhibition“ aktuell neue Ausstellungsräume in Mittweida konzipiert. Gemeinsam mit dem Verein arbeiten die Bewohner:innen des ASB-Wohnzentrums daran, die neue Ausstellung zu einem grenzen- und konfessionsfreien Dialog zu gestalten, den man mit all seinen Sinnen erleben kann. Denn wer weiß schon, welche Bedarfe ein Mensch mit einer Behinderung hat? Es sind die betroffenen Menschen selbst, die ganz genau wissen, was sie brauchen. Bereits im vergangenen Sommer wurde gemeinsam gemessen, getüftelt, probiert – und es wurden Ideen für kreative barrierefreie Lösungen gefunden.

Synergieeffekte ergeben sich aus dem Projekt auch mit den eingangs erwähnten und ausgezeichneten digitalen Arbeitsplätzen. Dank dieser digital barrierefreien Arbeitsplätze für Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen kann die Bearbeitung von Projekt- und Fördermittelanträgen zur Barrierefreiheit, wie zum Beispiel über das Investitionsprogramm für Barrierefreies Bauen („Lieblingsplätze für Alle“), realisiert werden. Barrieren, die bei Begehungen und Gesprächen aufgedeckt wurden, können abgebaut werden, indem man für die Eigentümer der Barrieren Förderanträge stellt und den Prozess bis zur Beseitigung der Barriere begleitet. So konnten bereits mehrere Ärztehäuser in Chemnitz barrierefrei gestaltet werden, ebenso wie die Zugänge zum Stadtteil­büro des Reitbahnviertels und der Oper Chemnitz. 

Überregionale Wertschätzung 
Das ASB-Wohnzentrum ist nicht nur eine Einrichtung, in der Teilhabe gelebt wird, es ist auch zu einem Ort für Begegnungen zwischen Menschen aus dem Sozialraum und der Stadt Chemnitz geworden. Auf Initiative der Projektverantwortlichen hat die „Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 GmbH“ etwa ihre Inklusionsbemühungen verstärkt und arbeitet nun mit dem ASB-Wohnzentrum zusammen, um eine Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 für alle zu gewährleisten. 

Auch überregional wird das Engagement gesehen und wertgeschätzt, wie im Dezember 2023 bei der Podiumsdiskussion „Wir gestalten den Wandel in Europa! Europa für Alle: Auf dem Weg zu Inklusion und Chancengleichheit“ in Leipzig. Dort konnte das Wohnzentrum sein Projekt vorstellen und mit anderen Akteur:innen wie ASB-Präsidentin Dr. Katarina Barley darüber diskutieren, wie sich unsere Perspektive auf Inklusion gestaltet und was es braucht, um sie zu verwirklichen. 

Die Blickrichtung des Wohnzentrums ist klar: Die Wertschätzung menschlicher Vielfalt als Ressource für Demokratie und ein Selbstverständnis dafür, diese in ihre Verantwortungsbereiche einwirken zu lassen. Jeder Mensch hat als Expert:in für die eigenen Bedarfe das Recht und die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, diese wertvoll einzubringen.


Text: ASB Chemnitz/Lisa Kaden


* Das Bürgerbeteiligungsprojekt wird gefördert durch das sächsische Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung und mitfinanziert mit den Steuermitteln auf Grundlage des vom sächsischen Landtag beschlossenen Haushalts.