ASB Magazin
September 2024
9/18

Jüngste Notaufnahme war drei Tage alt  
Im Haus „Sonneninsel“ finden Kinder und Jugendliche familienähnliche Strukturen

Der ASB-Ortsverband Königstein/Pirna ist in seiner pädagogischen Arbeit breit aufgestellt. Etwa 1.200 Kinder werden von den Mitarbeitenden in den sieben Kindertagesstätten und sechs Horteinrichtungen betreut. Die größte Einrichtung ist das Kinder- und Jugendhaus „Sonneninsel“ in Pirna, in dem rund 60 der 450 Beschäftigten arbeiten. Unter seinem Dach befinden sich Wohngruppen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung. Im Interview berichtet Marco Matthes über die Arbeit in diesem Bereich. Der Diplom-Pädagoge ist seit Februar 2022 Geschäftsführer des Ortsverbandes.


Interview: Martin Gey 

ASB

Herr Matthes, zunächst etwas Begriffliches. Was steht hinter den sogenannten Hilfen zur Erziehung, kurz HzE?

Marco Matthes

HzE sind gesetzlich normierte sozialpädagogische Maßnahmen, die die Erziehung der Eltern oder anderer Personensorgeberechtigter unterstützen, ergänzen oder ersetzen sollen. In unserem Fall sind das die Wohngruppen. Drei sind im Haus „Sonneninsel“ integriert. Eine weitere angeschlossene Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Ausländer betreiben wir ganz in der Nähe.

ASB

Wie viele junge Menschen betreuen Ihre Kolleg:innen in diesen Gruppen?

Marco Matthes

Insgesamt sind es derzeit 40, wobei ich die Kinder und Jugendlichen, um die wir uns in der zentralen Inobhutnahmestelle sowie im Frauen- und Kinderschutzhaus kümmern, mitzähle. Diese Einrichtungen betreiben wir für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

ASB

In welchem Alter sind die Kinder und Jugendlichen?

Marco Matthes

Wir betreuen regelhaft oder in Krisensituationen Säuglinge ab der Geburt, Kleinst- und Kleinkinder, Kinder, Jugendliche und junge Volljährige bis zum 21. Lebensjahr sowie bei Bedarf darüber hinaus. Sehr bedrückend: Unsere jüngste Notaufnahme war erst drei Tage alt und kam direkt aus dem Kreißsaal zu uns. 

ASB

Wie haben sich die Bedarfe im HzE-Bereich in den letzten fünf bis sieben Jahren entwickelt? Ein Stichwort: das sinkende Alter der zu betreuenden Kinder.

Marco Matthes

Wir bemerken diesen Trend dadurch, dass die Plätze für Kleinstkinder auch überregional stetig angefragt werden. Leider stehen den Jugendämtern nicht genügend Plätze in der Bereitschaftspflege oder in Pflegefamilien zur Verfügung, sodass hier immer öfter auf entsprechende Einrichtungen ausgewichen werden muss.  

ASB

Mit welchen Lebenslagen in den Familien haben es Ihre Kolleg:innen zu tun?

Marco Matthes

Das Motto in den Hilfen zur Erziehung ist: „Es gibt nichts, was es nicht gibt!“ Wer in dem Bereich arbeitet oder gar in den Kriseneinrichtungen, muss mit allem rechnen. Drogenkonsum ist ein Phänomen, aber nur eines unter vielen. Klar ist, dass die Selbstfürsorge für die Fachkräfte und Teams eine stetige Aufgabe und Herausforderung ist, auch für die Arbeitgeber. 

ASB

Worin sehen Sie die Hauptursachen dafür, dass sich die Bedarfe so erhöht haben?

Marco Matthes

Ich halte hier zwei Hypothesen für bedeutsam: einerseits der erneute Anstieg der Einreise von unbegleiteten, minderjährigen Ausländern und andererseits eine erhöhte Sensibilisierung für Kinderschutzthematiken auf verschiedenen institutionellen Ebenen.

ASB

Wie gestaltet sich die Elternarbeit?

Marco Matthes

Die Elternarbeit ist immer eine besondere Herausforderung für unsere Teams. Auch hier gilt „Alles ist möglich“ – von kooperativen, offenen und hilfsbereiten Eltern bis hin zu Ablehnung, Drohungen und Übergriffigkeiten. Die Bandbreite ist enorm. 

ASB

Welche Therapien bzw. pädagogischen Angebote bieten Sie im Haus „Sonneninsel“?

Marco Matthes

Hinsichtlich therapeutischer Angebote verfolgen wir einen sozialraumorientierten Ansatz. Wir nutzen alle Möglichkeiten, die für uns erreichbar sind. Wichtig sind häufig eine psychotherapeutische Anbindung und Begleitung, aber auch Ergotherapie oder Logopädie. Die pädagogischen Angebote in unserem Hause sind ausdifferenziert und vielfältig, so halten wir zum Beispiel auch traumapädagogisch qualifizierte Mitarbeiterinnen vor und verfügen über hervorragende Bedingungen für freizeitpädagogische Maßnahmen.