Herr Matthes, zunächst etwas Begriffliches. Was steht hinter den sogenannten Hilfen zur Erziehung, kurz HzE?
HzE sind gesetzlich normierte sozialpädagogische Maßnahmen, die die Erziehung der Eltern oder anderer Personensorgeberechtigter unterstützen, ergänzen oder ersetzen sollen. In unserem Fall sind das die Wohngruppen. Drei sind im Haus „Sonneninsel“ integriert. Eine weitere angeschlossene Wohngruppe für unbegleitete, minderjährige Ausländer betreiben wir ganz in der Nähe.
Wie viele junge Menschen betreuen Ihre Kolleg:innen in diesen Gruppen?
Insgesamt sind es derzeit 40, wobei ich die Kinder und Jugendlichen, um die wir uns in der zentralen Inobhutnahmestelle sowie im Frauen- und Kinderschutzhaus kümmern, mitzähle. Diese Einrichtungen betreiben wir für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
In welchem Alter sind die Kinder und Jugendlichen?
Wir betreuen regelhaft oder in Krisensituationen Säuglinge ab der Geburt, Kleinst- und Kleinkinder, Kinder, Jugendliche und junge Volljährige bis zum 21. Lebensjahr sowie bei Bedarf darüber hinaus. Sehr bedrückend: Unsere jüngste Notaufnahme war erst drei Tage alt und kam direkt aus dem Kreißsaal zu uns.
Wie haben sich die Bedarfe im HzE-Bereich in den letzten fünf bis sieben Jahren entwickelt? Ein Stichwort: das sinkende Alter der zu betreuenden Kinder.
Wir bemerken diesen Trend dadurch, dass die Plätze für Kleinstkinder auch überregional stetig angefragt werden. Leider stehen den Jugendämtern nicht genügend Plätze in der Bereitschaftspflege oder in Pflegefamilien zur Verfügung, sodass hier immer öfter auf entsprechende Einrichtungen ausgewichen werden muss.
Mit welchen Lebenslagen in den Familien haben es Ihre Kolleg:innen zu tun?
Das Motto in den Hilfen zur Erziehung ist: „Es gibt nichts, was es nicht gibt!“ Wer in dem Bereich arbeitet oder gar in den Kriseneinrichtungen, muss mit allem rechnen. Drogenkonsum ist ein Phänomen, aber nur eines unter vielen. Klar ist, dass die Selbstfürsorge für die Fachkräfte und Teams eine stetige Aufgabe und Herausforderung ist, auch für die Arbeitgeber.
Worin sehen Sie die Hauptursachen dafür, dass sich die Bedarfe so erhöht haben?
Ich halte hier zwei Hypothesen für bedeutsam: einerseits der erneute Anstieg der Einreise von unbegleiteten, minderjährigen Ausländern und andererseits eine erhöhte Sensibilisierung für Kinderschutzthematiken auf verschiedenen institutionellen Ebenen.
Wie gestaltet sich die Elternarbeit?
Die Elternarbeit ist immer eine besondere Herausforderung für unsere Teams. Auch hier gilt „Alles ist möglich“ – von kooperativen, offenen und hilfsbereiten Eltern bis hin zu Ablehnung, Drohungen und Übergriffigkeiten. Die Bandbreite ist enorm.
Welche Therapien bzw. pädagogischen Angebote bieten Sie im Haus „Sonneninsel“?
Hinsichtlich therapeutischer Angebote verfolgen wir einen sozialraumorientierten Ansatz. Wir nutzen alle Möglichkeiten, die für uns erreichbar sind. Wichtig sind häufig eine psychotherapeutische Anbindung und Begleitung, aber auch Ergotherapie oder Logopädie. Die pädagogischen Angebote in unserem Hause sind ausdifferenziert und vielfältig, so halten wir zum Beispiel auch traumapädagogisch qualifizierte Mitarbeiterinnen vor und verfügen über hervorragende Bedingungen für freizeitpädagogische Maßnahmen.